Archive for Kulturkritik

20 Aug 2009

90 Jahre Bauhaus: “form follows funktion”

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In einem sehr schönen Artikel zum Thema “90 Jahre Bauhaus” befasst sich Roger Behrens auf der Jungle World mit der Geschichte das Bauhaus und versucht sie in einem historisch politischen Zusammenhang darzustellen.

Das Bauhaus hat eine Vorgeschichte, eine Nachgeschichte, viele Nebengeschichten. Wenn man es schon als Avantgarde begreift und der klassischen Moderne zuordnet, dann ist das nur kritisch möglich: mit Blick auf die europä­ischen Kunstavantgarden, Dadaismus, Surrealismus etc., auch mit Blick auf den deutschen Sonderweg der Avantgarde der Expressionismus-Gruppen, vor allem aber mit Blick auf die junge Sowjetunion und den dortigen wirklich wirkenden Avantgarden. Das sind Perspektiven, die schnell erkennbar machen, dass die Bauhaus-Geschichte nur politisch erzählt werden kann und weit über die Institution Bauhaus hinausweist, nämlich untrennbar mit der Entwicklung des Industriekapitalismus und des Fordismus verbunden ist… …Die Trennung von Form und Funktion hat nicht nur mit der Industrialisierung zu tun, sondern rührt an der Entwicklung des modernen Warenkapitalismus selbst, nämlich am Gegensatz von Gebrauchswert und Tauschwert. Form und Funktion werden durch den Warencharakter von den Gegenständen gleichermaßen abgelöst und treten in Widerspruch zueinander. Das moderne Design ist der Versuch, diesen Widerspruch zu überwinden, indem eine Einheit in der Weise hergestellt wird, dass genau eine Funktion auf eine Form scheinbar notwendig verweist. Und genau das ist aber die Ideo­logie des modernen Designs, an der – dialektisch – das Bauhaus nicht nur künstlerisch scheitert, sondern in der es ebenso in vollkommener Veralltäglichung seines Gestaltungsprogramms noch immer bis in die Gegenwart fortbesteht.

08 Aug 2009

Aldous Huxley: The Ultimate Revolution

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Aldous Huxley Speech: The Ultimate Revolution, Mar 20, 1962 at Berkeley University. (via)

“There will be, in the next generation or so, a pharmacological method of making people love their servitude, and producing dictatorship without tears, so to speak, producing a kind of painless concentration camp for entire societies, so that people will in fact have their  liberties taken away from them, but will rather enjoy it, because they will be distracted from any desire to rebel by propaganda or brainwashing, or brainwashing enhanced by pharmacological methods. And this seems to be the final revolution.”

Das Transcript kann man bei Scribd nachlesen.

06 Aug 2009

Lesetip: Im Zweifel für das Individuum

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Herbert Marcuse, August 1968 in Venedig (Foto: PA/dpa)

Zum 30. Todestag von Herbert Marcuse möchte ich auf zwei besonders schöne Artikel aus der Jungle World hinweisen.

Vor 30 Jahren verstarb Herbert Marcuse. Sein Denken ist der Kritischen Theorie näher, als vielen seiner Bewunderer lieb ist. Mit der Geschichte hat es eine besondere Bewandtnis: Sie existiert im Realen nur als Fik­tion. Die beständige Gegenwart kennt Geschichte nur als Story, sie muss ihre Geschichtlichkeit zugleich leugnen und herbeireden. Die Geschichte als Geschichtsschreibung findet ihre Relevanz nur im Vergleich mit den Tatsachen der Wirklichkeit, wobei jeder beschriebene Unterschied nur die Bestätigung des immer Selben ist. So ist es möglich, das Denken Herbert Marcuses zu historisieren, das heißt, an die gesellschaftlichen Bedingungen seiner Entstehung zurückzubinden, oder ihm die eigene Geschichtlichkeit auszutreiben und im Diesseits seine Aktualität bzw. sein Veralten zu behaupten. Beides wird Marcuse, wird der Kritischen Theorie nicht gerecht, weil deren Ausgangspunkt der Widerspruch zwischen dem Vergehen der Zeit, das als Geschichte niedergeschrieben wird, und dem geschichtslosen Prozessieren des Tauschprinzips ist. Kritische Theorie leugnet weder das geschichtliche Gewordensein der Gegenwart und ihrer Subjekte noch deren Irrelevanz für die Aufrechterhaltung von Verhältnissen, die subjektlos erscheinen. Vielmehr besteht die Kritik Kritischer Theorie genau in jenem Affront gegen den Verrat an der eigenen Geschichtlichkeit, den die historischen Subjekte Tag für Tag begehen. Herbert Marcuses Version der Kritischen Theorie beschäftigt sich emphatisch mit der Frage, wa­rum die Subjekte ihre Erfahrungen nicht begreifen und keine diesen Erfahrungen entsprechenden Konsequenzen ziehen können oder wollen. Obwohl Marcuse als radikaler gilt, weil er sich an die Seite der Protestbewegungen der sechziger Jahre stellte, und also als politischer und anteilnehmender als die praxisresistenten »Westend-Philosophen« (1) vom Frankfurter Institut für Sozialforschung, hat seine Suche nach immer neuen Subjekten der Veränderung nichtsdestotrotz dieselben Ursprünge wie der vermeintliche Defaitismus seiner Weggefährten und ist diesem letztlich enger verwandt als dem aufs Mitmachen schielenden Verbalradikalismus der Neuen Linken.
Während Adorno und Horkheimer versucht haben, den ideologischen Charakter von Kultur als falschem Schein zu kritisieren, ohne den überschießenden Gehalt des Begriffs preiszugeben, der in dem besteht, worin Kultur sich »dem Umkreis der universellen Praxis« entzieht, hat Marcuse in dieser Praxis selbst nach Elementen gesucht, die jenen »edleren Zustand« vorwegnehmen, dessen Antizipation Adorno nur mehr in der Sphäre der Kunst auszumachen vermochte.

27 May 2009

DIY: Basis für eine humaneren Wirtschaftsform?

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Die Jungleworld widmet sich mit zwei Beiträgen dem DIY, dem Do-It-Yourself-Prinzip

In der Krise wird das Selbermachen wiederentdeckt und als Basis einer humaneren Wirtschaftsform gepriesen. Allerdings bekommt der alte Punk-Slogan »DIY or Die« dabei eine ganz neue Note. Von Stefanie Sievers: Die Welt braucht mehr Massenproduktion
In der Krise wird das Selbermachen wiederentdeckt. Über das Do-It-Yourself-Prinzip. Die Krise stellt die Organisationsform des multinationalen Konzerns in Frage. Zugleich entstehen kleinteiligere Nischenmärkte, die das Potential zu einer huma­neren Wirtschaft haben. Von Holm Friebe:DIY hat das Potential zu einer humaneren Wirtschaft

19 May 2009

Digitale Revolution und Sprache

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Die Jungle World hat in der aktuellen Ausgabe ein Themenspezial zu Digitale Revolution und Sprache. Steht sich gut für eine progressive linke Zeitschrift moderne Themen aufzugreifen.

What The Fuck? Was ist bloß mit der Sprache los? Mit Handys und PCs kehren die Hieroglyphen zurück: Smileys, Buchstabenbilder, Kürzelsalat. Rechtschreibung? Grammatik? LOL! Was die »digital natives« simsen, chatten und twittern, versteht niemand außer ihnen selbst. Aber ist das überhaupt Kommunikation? Was zählt der Kuss per SMS? Droht jetzt: Gut N8 Abendland? Oder sind Chat-Kürzel Ausdruck geballter Kreativität? Alles über die Sprache in der Digitalen Revolution von der E-Mail bis zum Tweet.

Die Analyse im ersten Beitrag von Magnus Klaue fällt allerdings etwas Flach aus:

Sind SMS subversiv?

Zumindest in einem sind sich der Wissenschaftsbetrieb und die Webcommunity ­einig: SMS-Codes sind radikal subversive Kommunikationsformen. Wer etwas an­deres behauptet, ist ein Bildungsbürger.

Viel interessanter ist da der Beitrag des Gespräch mit dem Linguist Torsten Siever der an der Universität Hannover lehrt und als Gründungsmitglied des linguistischen Forschungsprojekts sprache@web seit 1998 Sprachverhalten im Internet untersucht.

Zur Evolution der Sprache schreibt Thomas Thiel auf FAZ.net

Wer spricht, muss um die Ecke denken

Wie fing der Mensch zu sprechen an? Und warum sollte man die Lautäußerungen von Tieren nicht als Sprache bezeichnen? Eine Berliner Tagung öffnet den Blick für die evolutionsgeschichtliche Betrachtung der Sprachentstehung – und für bleibende Aporien.

01 May 2009

»Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen« von Judith Butler

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In ihrem neuen Essayband »Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Geschlechtlichen« untersucht Judith Butler das Veschwinden der Familie und die Regulierung von Intersexualität und Transsexualität.

Judith Butler: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009, 416 Seiten, 24,80 Euro

Ein Ausschnitt aus der Buchbesprechung “Feminismus für Refresher” von Martin Büsser über das neue Buch von Judith Butler: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen

Ihre zuerst in das »Das Unbehagen der Geschlechter« darlegte These von der Performativität des Geschlechts, das uns weder »gegeben« noch angeboren ist, sondern erlernt und geformt wird, steht nach wie vor am Beginn all ihrer jüngeren Texte, ganz so, als müsse es immer wieder ins Gedächtnis gerufen und gegenüber jenen wirkmächtigen Stimmen verteidigt werden, die Geschlechterdifferenz nach wie vor untermauern. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Butler in ihren neueren Aufsätzen nur ein Update von »Das Unbehagen der Geschlechter« liefert, sondern es zeigt lediglich, dass die von Butler entscheidend geprägten Gender- und Queer-Stu­dies sogar im wissenschaftlichen Kontext noch lange nicht als Allgemeinwissen oder Standard vorausgesetzt werden können. Ein gewisser Legitimationszwang, der in all diesen Texten mit­schwingt, macht auf ernüchternde Weise deutlich, wie dünn das Eis ist, auf dem Butler bis heute um Anerkennung oder auch nur Aufmerksamkeit ringen muss. Viele, die mit jün­geren linken Diskursen vertraut sind, aus denen Gender- und Queer-Studies gar nicht mehr wegzudenken sind, mag es verwundern, wie beharrlich Judith Butler immer wieder auf das Einmaleins der Gender-Theorie zurückkommt, doch genau das macht ihre Texte sympathisch, verhindert es doch ein Abgleiten in wissenschaft­liche Hermetik, die davon ausgeht, dass alles stets bei allen Lesern vorausgesetzt werden kann. Butler weiß, dass dies nicht der Fall ist. Ihre hier versammelten Texte sind in einer Zeit gesellschaftlicher Regression entstanden, in der zwar die Gender-Forschung an den Universitäten voranschreiten konnte, Werte wie Religion und Kleinfamilie zugleich jedoch eine ungeahnte Renaissance erfahren haben.

26 Apr 2009

Wie es sich anfühlt, arm und schwarz zu sein

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Sudhir Venkatesh betrat das urbane Ghetto von Chicago als Ethnograph und verließ es als hustler. Mittlerweile ist er Professor für Soziologie an der Columbia University in New York.

Sudhir Venkatesh: Underground Economy. Was Gangs und Unternehmen gemeinsam haben. Aus dem Amerikanischen von Christoph Bausum. Econ, Berlin 2008. 331 Seiten, 18 Euro

Ein Auszug aus der Buchbesprechung: Wie es sich anfühlt, arm und schwarz zu sein von Erwin Riedmann über das Buch »Underground Economy« von Sudhir Venkatesh in Jungle World 14/09.

Wer wirklich etwas über das Leben im Ghetto herausfinden wolle, müsse mit den Bewohnern »abhängen«, statt ihnen dämliche Fragen zu stellen. Diese Methodenlektion bekam der Soziologiestudent Sudhir Venkatesh erteilt, als er 1989 auf der Suche nach Gesprächspartnern das Ghetto von Chicago durchstreifte. Sein späterer Doktorvater William Julius Wilson, Doyen der städtischen Armutsforschung, hatte ihn mit einem standardisierten Fragebogen losgeschickt. Allen Ernstes sollte er zum Einstieg fragen, wie es sich anfühle, schwarz und arm zu sein – gemessen an einer fünfstufigen Skala zwischen »sehr gut« und »sehr schlecht«. Schon seinem ersten Informanten missfiel die Frage. Er sei kein »Schwarzer« und erst recht kein »Afroamerikaner«, sondern ein »Nigger« – ein feiner, aber entscheidender Unterschied, der das Klassengefälle unter Schwarzen markiert. Afroamerikaner wohnen in der Vorstadt, tragen eine Krawatte und haben einen Job. »Nigger« hingegen arbeiten zwar, das aber vor allem als hustler in der informellen, mitunter illegalen Ökonomie – ohne physische, materielle oder gar biographische Sicherheit. Als Spontanmethodologe glänzte hier pikanterweise der Chef der lokalen »Black Kings«. Der Drogendealer J. T. und seine Gang hielten den Eindringling, der in ihr Territorium kam, prompt für eine Nacht gefangen. Aber Venkatesh kam unversehrt wieder frei – nur um nachmittags mit einem Sixpack Bier unterm Arm zurückzukehren. Von Neugier gepackt, hatte er beschlossen, J. T. beim Wort zu nehmen und mit ihm und seinen Jungs »abzuhängen«. Für die nächsten sieben Jahre sollte der 27jährige Drogenboss zum wichtigsten Menschen im Leben des Jungforschers werden. Was Venkatesh an der Seite von J. T. erlebte, schildert er in dem Buch »Underground Economy«, das nun in deutscher Übersetzung vorliegt.

18 Apr 2009

Darwin: Ideologisch Recycled

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Von Darwin und seiner Evolutionstheorie, deren Übertragung vom Biologischen auf Gesellschaft und Soziales. Vom Sozialdarwinismus, von Spencer, Lamarce und der viel zitierten aber wenig verstandenen Rede vom “survival of the fittest” handelt der brilliante Artikel von Bruno Preisendörfer “Totschlagen und andere Begabungen” für Le Monde Diplomatique. Dabei fragt der Autor was von Darwin revolutionärer Entdeckung übrig bleibt und welche Bedeutungen die Evolutionstheorie heute, im aktuellen Diskurs der Biotechnologie und Genetik haben?

Worin bestehen die Gemeinsamkeiten zwischen dem aktuellen Genfetischismus, der sozialdarwinistischen Vorstellung vom Überleben des Stärksten, der kolonialistischen und schließlich der faschistischen Rassentheorien? In der Erklärung kultureller durch natürliche Unterschiede, in der Rechtfertigung sozialer durch natürliche Ungleichheit, in der Verwandlung naturwissenschaftlicher Begriffe in kulturelle Metaphern, die dann in einem ideologischen Rückkoppelungseffekt wiederum für die ,Natur der Sache’ gehalten werden. Eine der beliebtesten und zugleich gefürchtetsten Phrasen ist die vom ,survival of the fittest’. Die Wendung stammt nicht von Charles Darwin, sondern von dem Philosophen und Soziologen Herbert Spencer. Allerdings hat Darwin sie in eine spätere Auflage seines Hauptwerks aufgenommen. Spencer übertrug Darwins Überlegungen zur natürlichen Evolution auf die Entwicklung von Gesellschaften und kann als einer der ,Klassiker’ des Sozialdarwinismus gelten. Der ideologischen Wertverschiebung zwischen Darwin und Spencer entspricht eine ideologische Wortverschiebung: von “favoured” zu “fittest”. Darwins 1859 erschienenes Hauptwerk hieß: “On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life”. Darwin spricht von “favoured races”, was bei den ersten deutschen Ausgaben mit “begünstigten Rassen” übersetzt wurde. Darwin spricht also nicht vom Erhalt der Stärksten, sondern von dem der Begünstigten. Diejenigen Rassen, die von der Natur begünstigt sind, erhalten sich in einer bestimmten natürlichen Umwelt am besten, jedenfalls so lange, bis sich die Umwelt ändert und das, was einmal von Vorteil war, unter neuen Bedingungen zum Nachteil wird. Analogisch korrekt aufs Soziale übertragen, würde sich das so anhören: Diejenigen Klassen, die von der Gesellschaft begünstigt sind, erhalten sich in einer bestimmten sozialen Umwelt am besten, jedenfalls so lange, bis sich die soziale Umwelt ändert – zum Beispiel durch eine Revolution – und das, was einmal von Vorteil war, unter neuen Bedingungen zum Nachteil wird. Die naturalistische Reduktion – um wissenschaftlich auszudrücken, was im politischen Nahkampf als ideologischer Trick funktioniert – ist eine halbe Sache und vielleicht deshalb ganz erfolgreich. Einerseits wird bei der Übertragung des Selektionsgedankens auf gesellschaftliche Verhältnisse die natürliche Umwelt durch die soziale ersetzt, andererseits aber die natürliche Begünstigung gerade nicht durch eine soziale. Vielmehr wird die soziale Begünstigung durch (angebliche) natürliche Stärke gerechtfertigt. Und dafür eignet sich Spencers “fittest” besser als Darwins “favoured”. Das ,survival of the fittest’ wurde in Deutschland von dem Mediziner und Zoologen Ernst Haeckel bekannt gemacht. Er war der große Popularisierer der Evolutionstheorie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Seine Ideen wirken bis heute nach. Beispielsweise die symbolisch beeindruckende, wissenschaftlich naive und ideologisch folgenreiche Vorstellung eines evolutionären Stammbaums mit Wurzel und Wipfel, mit Hauptstamm, Ästen und Zweigen: Symbolisch beeindruckend, weil der Baum der Evolution an den Baum des Paradieses in der Genesis anschließt; wissenschaftlich naiv, weil die Evolution kein artiges Aufstreben der Arten ist, sondern ein undurchdringliches Speziengestrüpp – auch Darwins Handskizze erinnert eher an einen Strauch; ideologisch folgenreich, weil ein Baum-Modell viel klarer als ein Strauch-Modell das Bedürfnis nach Hierarchien artikuliert, denen zufolge der schwarze Mensch unter dem weißen steht wie der Hominide unter dem Homo sapiens. Die Evolution ist ein Prozess ohne Ziel, Sinn und Zweck, vor allem ist sie kein Lernprozess, in dem sich die ,Fitten’ der Umwelt anpassen. Es gehört zu den Grunddogmen der Evolutionstheorie, dass erlernte Fähigkeiten nicht vererbt werden. Trotzdem trösten sich die Menschen, zweckorientiert und sinnbedürftig wie sie nun einmal sind, über die darwinistische Zumutung der Evolution als Zufallsprozess gern mit einem Schuss Zielgerichtetheit hinweg. Es ist, im Wortsinn, verrückt: Während die kulturelle Evolution, die wirklich eher mit Lamarque beschreibbar wäre, mit darwinistischen Metaphern begriffen, besser gesagt: betatscht wird, mag man bei der natürlichen Evolution, der allein das darwinistische Modell angemessen ist, von lamarquianischen Illusionen nicht lassen.

02 Apr 2009

Peter Glaser über Internet und Ethik

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Peter Glaser über Internet und Ethik: In was für einer digitalen Gesellschaft wollen wir leben? Mit der Fragestellung unternimmt Peter Glaser einen philosophischen Ausflug zu den dringenden Fragen der “Informationsgesellschaft”. Ein wirklich großartiger, kluger und witziger Vortrag! Auf seinem Blog “Glaserei” veröffentlicht er den kompletten Text seines Vortrags:

In was für einer digitalen Gesellschaft wollen wir leben?

VON GEORGE BERNARD SHAW gibt es zu der Frage ein Bild: “Wenn du einen Apfel hast und ich habe einen Apfel und wir tauschen die Äpfel, wird jeder von uns nach wie vor einen Apfel haben. Aber wenn du eine Idee hast und ich habe eine Idee und wir tauschen diese Ideen aus, dann wird jeder von uns zwei Ideen haben.”

Wer möchte nicht in einer solchen Gesellschaft leben, in der sich die Ressourcen so wunderbar vermehren und das Tauschen so gewinnbringend ist? Apfelbauern vielleicht, die ihre Äpfel verkaufen wollen.

Das Teilen mit technologischer Hilfe führt nicht nur zur Vermehrung von Ideen, sondern auch zur Vermehrung von Problemen. Computer helfen uns dabei, Dinge schneller zu erledigen, die wir ohne Computer gar nicht hätten erledigen müssen, das wußte Marshall McLuhan schon in den sechziger Jahren. Als damals am MIT der erste Großrechner zur Verfügung stand, der Timesharing beherrschte und mehrere Nutzer gleichzeitig bedienen konnte, gab es einen Befehl, mit dem man einfach das ganze System zum Absturz bringen konnte, ohne Raffinesse und ohne jede Eleganz. Das wurde zwei, drei Mal ausprobiert, dann machte es keinen Spaß mehr. Brauchen wir einen solchen Befehl für’s Internet?

Im übrigen ist die Vermehrung von Problemen nicht unbedingt ein Manko. Von Egon Friedell stammt der Satz “Kultur ist Reichtum an Problemen”. Davon haben wir heute reichlich.

Der bekannte Kolumnist Peter Glaser macht den Anfang. Er stellt seine Ideen und Gedanken zur Frage vor: In was für einer digitalen Gesellschaft wollen wir leben? Wir alle merken, dass sich unsere Kommunikationskultur verändert. Experten sagen, dass jedes neue Medium mehr Möglichkeiten der Kommunikation bereitstellt, als die Gesellschaft zunächst bewältigen kann. Wandel und Anpassung brauche Zeit. Wer definiert “sinnvoll” oder “verantwortungsvoll“ in diesem Prozeß und wie passend sind unsere aktuellen Definitionen? In Zeiten des “rasenden Stillstands” nehmen wir uns die Zeit, darüber zu sprechen.

30 Mar 2009

Essay: The World Without Technology

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In seinem Essay The World Without Technology hinterfragt Ken Kelly die anthropologischen und soziologischen Dimensionen von “Technologie”. Auch wenn er am Schluss zu der recht banalen Aussage “In a world without technology, we would not be living, and we would not be human” kommt, ist der Artikel sehr lesenswert.

But I was only visiting. Living in a world without technology was a refreshing vacation, but the idea of spending my whole life there was, and is, unappealing. Like you, or almost anyone else with a job today, I could sell my car this morning and with the sale proceeds instantly buy a plane ticket to a remote point on earth in the afternoon. A string of very bumpy bus rides from the airport would take me to a drop-off where within a day or two of hiking I could settle in with a technologically simple tribe. I could choose a hundred sanctuaries of hunter-gatherer tribes that still quietly thrive all around the world. At first a visitor would be completely useless, but within three months even a novice could at least pull their own weight and survive. No electricity, no woven clothes, no money, no farm crops, no media of any type — only a handful of hand-made tools. Every adult living on earth today has the resources to relocate to such a world in less than 48 hours. But no one does.

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